Das Feminismus-Moratorium
Wir brauchen Männer-Manifeste

Süddeutsche Zeitung, Mai 2011


Junge Frauen wollen schon seit einiger Zeit immer weniger vom Feminismus hören, weshalb viele ältere umso lauter vom ihm reden. Die Publizistin Ursula März hat jetzt im Feuilleton der "Zeit" unter dem Titel "Lasst mich in Ruhe!" ein zweijähriges Redemoratorium bezüglich der Emanzipation vorgeschlagen. Sie begründet diesen Wunsch mit dem Dauerdruck und der ständigen Beobachtung, unter der sie als Frau in steht. Sie fühlt sich gegängelt und bevormundet. "Diese Hysterie unfreier und unfreiwilliger Lebensplanwirtschaft," ruft Frau März, "kann mit Feminismus ja wohl nicht gemeint gewesen sein."

Was für eine Rede! Die Forderung schafft ein Vakuum, Platz für neue Töne. Sie ist eine Niederlage für Feministinnen, denen die Debattenhoheit schon lange wichtiger als der Fortschritt ist. Die nicht einsehen wollen, dass der Feminismus, statt sich unter Revolutionshüterinnen zu konservieren, wie jede Sozialbewegung gerade das Gegenteil zum Ziel haben müsste: die Selbstabschaffung durch Beseitigung ihres Grundes.

Ja, ich weiß auch, dass die Gleichberechtigung verdammt noch mal noch lange nicht erreicht ist. Aber erinnern wir uns einmal, aus welcher Situation gestartet wurde: Frauen hatten nicht nur kein Wahlrecht, sie wurden so wenig nach ihrer Meinung gefragt wie ein Schwarzer auf der Straße nach dem Weg. Ada Lovelace, die berühmte Mathematikerin des 19. Jahrhunderts, hatte keinen Zutritt zu den Bibliotheken Londons. Ihr Mann schickte Kopisten zum Abschreiben der neuesten Artikel, usw. usf.

Der Feminismus hat das korrigiert. Man kann ihm zwar mit rigoroser Kritik entgegen treten: Er ist selbst sexistisch, da er ein Geschlecht bevorzugt, und daher nicht einmal kompatibel mit den Menschenrechten ist. Er ist nicht nur männer- sondern auch lust- und also lebensfeindlich. Er stilisiert Frauen zu Opfern, macht sie also abermals zu Unterdrückten und zum Futter seines eigenen Systems. Der Feminismus ist sogar Gewalt verherrlichend gewesen, als er "Schnipp-schnapp Schwanz ab" forderte. Erinnert sich noch jemand an die Buttons? Sie kamen als Spaß daher, waren aber wahrlich nicht so gemeint.

Nur geht diese Kritik fehl. Denn der Unterdrückte wird nichts erreichen, wenn er eine asymptotische Angleichung der Rechte und Pflichten fordert: Die Einbettung der Frauenfrage in das universale Menschenrecht hätte das Problem zu stark verdünnt. Unendlich lange hätte man gebraucht, um ans Ziel zu kommen. Die Frau musste, wie jeder Unterdrückte, ihr Argument überreißen, um einen Fuß in die Tür der Mächtigen zu bekommen: Sie musste wütend werden.

Der Feminismus ist, und das war gut so, in Gestalt starker Frauen mit der Axt in die Büros der Gesellschaft eingebrochen wie jede andere revolutionäre Bewegung auch und hat das grelle Licht seiner Verhörlampe auf sie gerichtet. Unter der Befragung wurden die Unsinnigkeiten sichtbar. Jetzt ist das Geständnis getippt und unterschrieben. Da Gleichberechtigung theoretisch besteht - bitte genau lesen: theoretisch besteht, ihre Legitimation steht nicht mehr in Frage - haben wir ein Problem, das Frau März klar erkannt hat. Man muss die Lampe ausschalten und weiter an Details einer freieren Welt arbeiten. Das helle Licht aber sehen wir alle noch, so wie es immer ist, wenn man in eine zu helle Lampe geschaut hat. In dem Licht sieht alles noch aus wie zuvor, obwohl es schon nicht mehr ganz so ist.

Das ist allerdings ein ganz normaler Vorgang. Mit einem ursprünglich aus der Physik stammenden Begriff nennt man diesen Effekt Hysterese: Das Fortdauern der Erregung nach dem Abschalten des Erregers. Man kennt die Hysterese auf vielen Feldern, zum Beispiel aus der Wirtschaft, wo die Arbeitslosigkeit noch nicht fällt, obwohl die Konjunktur wieder angelaufen ist. Das System reagiert verzögert. Der Grund ist der derselbe wie beim hellen Fleck im Auge nach dem Abschalten der Lampe: Die Neuronen müssen sich erst neu organisieren, die Gedankenwelten sich neu prüfen und abgleichen. Was im Fall des Lichtflecks im Hirn schnell vonstatten geht, ist im Falle der Justierung einer gesellschaftlichen Größe keine Kleinigkeit. Sie braucht Zeit. Informationen müssen transportiert, vermittelt, geprüft und verstanden werden, bis sich Fakten neu schaffen.

Die Verzögerung hat einen wichtigen Vorteil: Das System ist pfadabhängig, es hat ein Gedächtnis. Dieses Gedächtnis verhindert die Rückkehr in den Ausgangszustand, der vor der Erregung herrschte. So werden wir kaum eine Welt vorstellen können, in der es kein Frauenwahlrecht gibt oder die Ehefrau den Ehemann um Erlaubnis fragen muss, bevor sie eine Arbeit annimmt. Daher kommt Ursula März' Mut zum Überdruss zur rechten Zeit. Die Mehrheit sagt: Jetzt macht doch mal die Blendlampe aus und hört auf zu brüllen. Lasst uns nachdenken, wie es weitergeht, während die Chefredaktion halt noch ein paar Jahre weiter von Männern geführt wird.

Die Mehrheit ist es schon deshalb, weil die anderen Hälfte der Gesellschaft auch vorher schon in der Defensive war. Die Konstruktion des Diskurses war aber gar nicht anders möglich: Die Männer sind die Angegriffenen und haben sich daher nie aktiv beteiligt. Wie auch? Der Anspruch der Frauen auf ihre Positionen hatte zwar ein zögerliches Zurückweichen zur Folge, dummerweise aber auch eine weitere Aufwertung ihrer Positionen. Der Anspruch auf Öffentlichkeit und Amt hat die Hausarbeit und die Kindererziehung eben gleichzeitig noch weiter abgewertet, und das heißt: Für Männer noch unattraktiver gemacht, als es eh schon der Fall war. Das ist mehr als ein Kollateralschaden. Frauen stiegen in Positionen auf, wurden dabei männlicher und machten die gesamte Gesellschaft männlicher. Das ist schlecht, weil einschränkend. Erst jüngst konnten weniger kraftmeiernde Persönlichkeiten politische Karrieren beginnen. Auch das markiert den Wendepunkt.

Die noch andauernde Fixierung des feministischen Diskurses auf eine Karriere jenseits der Familie erweist sich aber nach den großen Erfolgen, die bei den Suffragetten nicht anfingen und bei Alice Schwarzer nicht aufhört, als Falle. Das Ziel muss natürlich sein, wählen zu können. Eine Gesellschaft, die das Glück, mit Kindern zu leben, gering schätzt, ist dumm und impotent, durch ihre Städte und Landkreise fahren meist leere Cayennes. Ein Doktortitel, ein Minsteramt oder ein Kontoauszug? Leck mich am Arsch. Oder anders gesagt: Nichts ist öder als eine Gesellschaft, in der jetzt nicht nur jeder Mann, sondern auch noch jede Frau Karriere machen muss. Familien werden zu Firmen, in der jeder Chef sein will. Ein großes neoliberales Projekt zur Verkümmerung des Menschen.

Heute fehlt mehr denn je die Freiheit, sich gegen eine Karriere zu entscheiden. Wir wissen, wie stark schon kleine Jungs unter der Frage: Was willst du denn mal werden, zu leiden haben. Es ist die Vorbereitung auf ein Leben, in dem jeder nach Länge, Höhe, Breite taxiert und am Ende immer aussortiert wird.

Wir wissen heute auch, dass Männer - neben ihrer Verheizung im Krieg - nur aus einem Grund früher sterben als Frauen: Sie gehen nicht zum Arzt. Kann man benachteiligter sein, als am besten medizinischen System der Geschichte nicht voll zu partizipieren? Projekte zur Männergesundheit sind im Gang, aber noch muss der Männerkörper vor allem funktionieren. Das hat vielfältigste negative Folgen auf allen Feldern. Es klingt paradox, aber der Männerkörper ist noch nicht aus den neutralisierenden Anzügen mit Schlipps und Kragen, den Arbeitsoveralls und Fußballtrikots befreit. Als einzelner ist er nicht vorhanden. Und er darf sich nicht zeigen.

Hier liegt auch ein zentrales Versagen des Feminismus: Der als permanente Bedrohung auf allen Ebenen empfundene Körper des Mannes darf noch weniger zu sich selbst finden, als es schon immer der Fall war. Kein Tatort, keine Tagesthemen kommen heute ohne Missbrauch, Lustmord und Promivergewaltigung aus. Dreifache Kernschmelze in Japan samt Explosionsgefahr und arabische Revolutionen kommen erst danach. Natürlich ist das angesichts der sexuellen Gewalt in der Welt gut begründet und ein Fortschritt auf der einen Seite. Eine positive Konnotation maskuliner Körperlichkeit kommt aber nirgends mehr vor. Man hat heute schon Bedenken, seinen Sohn in den Arm zu nehmen.

Es ist - mit oder ohne Moratorium - an den Männern, endlich ihre eigenen Ansprüche auf Freiheiten zu formulieren. Und dazu muss man nicht Feminist sein, was eh ein Ding der Unmöglichkeit oder besser gesagt der Heuchelei ist. Verlogenen Zuspruch zum Feminismus gibt und gab es ja mehr als genug. Die Diskursschaukel kommt aber nur dann in Gang, wenn jeder für sich spricht. Wir brauchen: 1. Das Recht auf ein karrierefreies Leben. Der Mann muss jenseits einer beruflichen Stellung respektiert werden. 2. Das Recht auf Krankheit jenseits der Vorwürfe von Hypochondrie und Fühllosigkeit. 3. Das Recht auf eine geehrte Sexualität jenseits von Ablehnung, Diffamierung, Kapitalisierung und Kriminalisierung. Das wäre die Welt, in der ich noch einmal von vorne leben wollte. Leider ist sie nicht in Sicht.

Ein kleiner Anfang ist in der Beziehung zu Kindern gemacht. Zwar kann man als getrennt lebender Vater auch mit Sorgerecht noch leicht manche Überraschung auf Ämtern und in Gerichten erleben. Von Gleichberechtigung sind wir hier Lichtjahre entfernt. Heute klagen aber die Großväter schon häufiger, dass sie viel zu wenig Zeit mit ihren Kindern verbracht haben. Ein Versäumins, das im Alter sehr schmerzt und entsprechend leise und resignativ vorgetragen wird. Oft höre ich eine Selbstanklage heraus, der Anspruch ist also bereits Konsens! Man muss dann trösten: Das hat man von euch nicht erwartet. Und man kann auch noch ein bisschen was nachholen.

Umso wichtiger, dass Ursula März es nun satt hat, die Labormaus einer erstarrenden Ideologie geworden zu sein, ständig den gängigen Konzepten der Theorie genügen zu müssen und sich nach Jahren der Emanzipation in einer Hysterie unfreier und unfreiwilliger Lebensplanwirtschaft wiederzufinden. Willkommen in der Männerwelt. Sie ist eine Scheibe.

Copyright Ralf Bönt





Ralf Bönt geb. 1963 war Physiker u.a. am CERN und DESY, bevor er Schriftsteller wurde. Er lebt mit der Malerin Nicola Stäglich und zwei Söhnen der Jahrgänge 1996 und 2010 in Berlin. Der Jüngere war beim Verfassen dieses Textes einziger Zeuge. Zuletzt erschien der Roman "Die Entdeckung des Lichts" über den hirnkranken Naturforscher Michael Faraday.



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