Das Patriarchat knechtet die Männer
Die neuen Maskulisten wollen den Feminismus vervollständigen und endlich ins Innere der Familie, zu Cassie Jayes Dokumentation The Red Pill 

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Politik, November 2016




Immer noch die Beste
Zu Alina Bronsky und ihrer Streitschrift für Mütter 

Süddeutsche Zeitung, April 2016




Als Mann wird man geboren, zum Übermann wird man gemacht.
Warum die Männerbewegung als Fortsetzung des Feminismus in der aktuellen Krise so wichtig ist 

Die Welt, Forum, Februar 2016




Schöner Fahren
Revolution in vollem Gang: Vergesst Tesla und BMWi3, die Fahrradindustrie löst das alte Versprechen auf moderne Mobilität ein.  

Welt am Sonntag, Januar 2015




Mann muss den Mann als Vater denken
Gender Studies und der Kardinalfehler der Geschlechterdebatte: Die Frau ist als Boss denkbar, der Mann aber nicht als Mutter. Kein Grund, ihn nicht als Vater zu denken.  

Die Welt, November 2014




Nichts als Gespenster
Zu Dave Eggers: Der Circle 

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, August 2014

Interview MDR Figaro

Der transparente Roman, Getidan Kulturmagazin




Ein letzter Sieg der Schwerindustrie
Eine praktische Demonstration zum G-Punkt der Mobilität.  

Die Welt, Motorblog, Mai 2014

Das Video zum Rennen!




Macht Freiheit jede zweite Seele krank?
Selbstverwirklichung versus Selbsverlust in der Moderne. Zum Werk von Liah Greenfeld.  

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Geisteswissenschaften,
Mai 2014




Vom Frontalen ins Virale
Internet und Überwachung: Der große Traum vom großen Gedächtnis ist dem Menschen zuzutrauen  

Perlentaucher, März 2014




Der Kapitalismus des Ostens ist der Schlimmere
Wir sind alle Touristen: Zur Gentrifizierung des Prenzlauer Berges  

Die Welt, März 2014




Tausendschön im Neopatriarchat
Anmerkungen zur Sexismusdebatte, die als Aufschrei bekannt wurde  

Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage der Bundeszentrale für politische Bildung zur Wochenzeitung Das Parlament, Februar 2014




Nichts als Berge
Fahrbericht von der Haute Route Pyrenees, dem «härtesten und höchsten Radrennen der Welt» – von Barcelona nach Biarritz 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Sport, September 2013




Der Feminismus hat sich verirrt
Ja, wir leben im Patriarchat. Aber es sind die Männer, die viel mehr und heftiger daran leiden als die Frauen. 

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Juli 2013

Likestorm in den Netzwerken: über 12.000 Klicks!

English version




Brauchen wir Psychopathen?
zu Kevin Dutton: Was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Juni 2013




Als mir die Energie zum Schlafen fehlte
zu Vanessa Blumhagens Buch über die Hashimoto - Erkrankung der Schilddrüse - eine WARNUNG! 

perlentaucher, Mai 2013




Die Nation der Einzelkinder
In: Durchgefressen und Durchgehauen, Schriftsteller gratulieren der SPD zum 150. Gründungsjahr, hg. von Joachim Helfer und Klaus Wettig,  

Steidl Verlag, Göttingen, 2013




Über Männer und Frauen
zu Hanna Rosin: Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Januar 2013

English version




Religiöses Ersatzwissen
Nicht die Frommen, sondern die Rationalen zeigen Demut vor der Schöpfung. 

perlentaucher.de, August 2012




Goethe und das Internet
Ein Essay zu Aktion, Reaktion und Faszination anlässlich des Romans REPLAY von Benjamin Stein 

Merkur, Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, August 2012




Der soldatische Mann
Zur Debatte um das Kölner Beschneidungsverbot und Martin Mosebachs Forderung nach einer Strafe für Blasphemie 

Süddeutsche Zeitung, Juli 2012




Die Gentrifizierung des Cyberspace
Der Streit um Ebooks und Urheberrechte wird immer spießiger 

Frankfurter Rundschau & Berliner Zeitung, Juni 2012




Mutter Macht
Die Erfindung der Vaterschaft als Schlüssel des Zivilisationsprozesses  

Die Zeit, März 2012




Das entehrte Geschlecht

Vor zweihundertzwanzig Jahren verfasste Olympe de Gouges die Erklärung der Rechte der Frau und der Bürgerin und sandte sie an ihre Königin. Im Anschreiben bat die Frauenrechtlerin um die Mitwirkung der Regentin bei der Wiederherstellung der Sitten, die ihrem Geschlecht jene Kraft und das Ansehen verliehen, die ihm zukämen. Es könne, schrieb de Gouges allerdings, dies nicht das Werk eines Tages sein, zum Leidwesen der neuen Ordnung. Diese Revolution werde sich erst vollziehen, wenn sämtliche Frauen von ihrem beklagenswerten Los durchdrungen und sich des Verlustes ihrer Rechte in dieser Gesellschaft bewusst seien.
Die Revolution der Frauen hat sich am Ende soviel Zeit genommen, dass sie als solche gar nicht mehr wahrnehmbar ist. Ihr Erfolg ist aber nicht zu bestreiten. Weshalb sie als antisexistische Bewegung unvollendet ist und bleiben muss, solange der Mann nicht teilnimmt, zeigt dieses überfällige, so wütende wie zärtliche Manifest.


Geist trifft Geld: "Streitgespräch mit Angelika Gifford"

Interview mit Harald Jähner, Frankfurter Rundschau: "Wir müssen über Gewalt gegen Männer reden!"

Interview mit Reinhard Jellen, Telepolis: "Der Feminismus und die freie Begegnung der Geschlechter"

Interview mit Katja Heise, Welt kompakt: "Männer, macht den Mund auf!"

Jonathan Widder in "Die Zeit" zu: "Das entehrte Geschlecht - Ein notwendiges Manifest für den Mann"

Herzensmann statt Schmerzensmann: // Britta Heidemann über "Das entehrte Geschlecht"

Männer, kämpft für Eure Würde: // Roland Mischke über "Das entehrte Geschlecht"


bei buecher.de bestellen   




Endlich sehen, was da ist
Über Wehmut beim Higgs-Boson, die Verklärung des Unwissens, Wissenschaft und Fiktion  

Süddeutsche Zeitung, Dezember 2011




Das Feminismus-Moratorium
Ursula März hat den Mut zum Überdruss im richtigen Moment: Willkommen in der Männerwelt  

Süddeutsche Zeitung, Mai 2011

Der Text von Ursula März ist hier verfügbar.

Interview mit Andrea Meier in der Kulturzeit: hier.




Wer ist schon gerne Atomkraftgegner?
George Monbiot macht den einmaligen, instabilen Grenzfall zum Beweisstück: Fukushima sei eine Werbung für Atomkraft  

Frankfurter Rundschau, März 2011

English: Guardian, März 2011

Europäische Übersetzungen: Presseurop, März 2011

Der Text von George Monbiot ist hier auf deutsch verfügbar.




Im Krieg mit sich selbst
Fukushima: Japan an den Grenzen von Intelligenz und Vorstellungskraft  

Berliner Zeitung, März 2011

Frankfurter Rundschau, März 2011

Der Standard, März 2011




Die verklärte Wissenschaft
Kleiner historischer Spaziergang durch die öffentliche Wissenschaft anlässlich Karl Theodor zu Guttenbergs Rücktritt  

Frankfurter Rundschau, März 2011


Wir haben den kranken Menschen genau dort gesehen, wo er nie vorkam
Zum Auftritt von Monica Lierhaus bei der Goldenen Kamera  

Cicero, Februar 2011


Die Illusion der reinen Information
Edge - Das Internetmagazin der dritten Kultur  

Süddeutsche Zeitung, Januar 2011


Verschollen im Universum des Altpapiers: Homer & Langley
zum neuen Roman von E. L. Doctorow

Süddeutsche Zeitung 2011 & buecher.de

Getidan, Januar 2011

Physik ohne Ende
Warum Grundlagenforschung wichtig ist  

Cicero - Magazin für politische Kultur, Dezember 2010



Die Zeiten ändern dich
Kritik am Feminismus alter Schule ist richtig.  

die tageszeitung, November 2010

Hier lesen Sie den ungekürzten Text!



Diskurs in feministischer Enge  
Zum grandiosen Roman 'Fegefeuer' von Sofi Oksanen

Frankfurter Rundschau, Oktober 2010



Eine kurze Geschichte der Weltformel
Stephen Hawking macht einen Scherz und tut gut daran.
 
Besuch in der Ohnmacht
Eine Reise zu den Killing Fields in Kambodscha

Süddeutsche Zeitung Juli 2010


 

Read the english version:
In the Land of Impotence: A Trip to the Killing Fields of Cambodia




Die religiöse Rückkopplung
Wissen ist mühsam, aber den Schlüssel zum islamischen Extremismus hat die Konfliktforschung. Ein Essay über den Missbrauch des Religiösen nach dem 11. September
 
 
Der inverse Sozialdemokrat
Frank Steinmeier mausert sich zum wohltemperierten Machtpolitiker  

Frankfurter Rundschau und Kölner Stadtanzeiger,
Politik, September 2009

 
Krank sein oder nicht krank sein
Debatte zu den Krebsbüchern mit Christoph Schlingensief, Richard Kämmerlings und Michael Angele
 
Der G-Punkt der Mobilität
Zur Hybrid-Lüge: Innovation des Autos beginnt beim Gewicht 

Das viktorianische London ist die erste Millionenstadt gewesen, die größte Metropole seiner Zeit. Sie hatte anscheinend viele Vorzüge. Und natürlich hatte sie eine Menge Probleme. Eines der größten fiel im damals schon äußerst angestrengten Straßenverkehr an: Die fünfzigtausend Pferde der Stadt hinterließen eintausend Tonnen Dung, – am Tag.

dazu: Roland Berger in der FAZ 2011

Versunken in den Datenfluten
zu Chris Andersons These vom Ende der Theorie
Auf der Flucht ins Heimweh
Porträt des israelischen Romanciers Assaf Gavron
Gift bleibt Gift
Zur neuen Ungefährlichkeit von Amalgam

Im vergangenen Monat verspeiste der italienische Landwirtschaftsminister Paolo De Castro demonstrativ eine Scheibe dioxinverseuchten Büffelmozzarella vor laufender Kamera. Man müsse schon sieben Kilo am Tag davon essen, um gesundheitliche Schäden davon zu tragen, war seine Erklärung. Aber er hatte sich mit seiner PR-Aktion vertan. Keine zwei Tage später war die neapolitanische Spezialität wegen Überschreitens der EU-Grenzwerte vom Markt. Wer wollte auch solchen Käse genießen oder ihn Kindern und Alten zumuten, die vielleicht nur ein oder zwei Kilo vertrügen, bevor sie definitiv krank würden. Was war mit Schwangeren oder stillenden Frauen, denn vielleicht reichen ein paar hundert Gramm zur Schädigung des Kindes? Und was mit bereits Kranken, wie viel Dioxin vertragen sie? Genau würde man das nicht wissen können. Aber De Castro hatte de facto auch nur gesagt: Mir doch egal, ich bin noch gesund. Er konnte oder wollte sich einfach nicht vorstellen krank zu sein.

Die Partei der Zweifler
Die Frage des Jahres auf edge.org

Süddeutsche Zeitung 2008

Eines der anregendsten intellektuellen Spiele des Jahres findet sich immer im Januar auf der website ‚Edge’, wenn Wissenschaftler und Künstler im ‚World Question Center’ auf die Frage des Jahres antworten. 2007 gab es ein veritables religion bashing und so klingt schon die Frage für 2008, welche seiner Meinungen man geändert habe, wie ein erneuter Generalangriff auf die Seligen: Ist die Religion doch der Ort der göttlichen Wahrheit, die sich nicht begründen muss und nicht bezweifelt werden kann. Wenn er einer Partei angehöre, hatte der Agnostiker Camus auch gesagt, dann der des Zweifels. Keine Konfrontation sollte mehr gescheut werden. Die letzte Heimat der Unverzweifelten bleibt dagegen der Glaube. Was ‚Edge’ angeht, wird diese Erwartung jedoch enttäuscht.

 
Jedes Glas bricht einmal entzwei – Wie sicher sind Atomkraftwerke?

Süddeutsche Zeitung 2007 Leitartikel Politik

Bei der jetzt wieder aufgeflammten Diskussion um die Sicherheit der Atomkraftwerke wird oft vergessen, mit welchem Grad von Hochtechnologie man es zu tun hat. Es ist ein Grad, der fasziniert, auf gefährliche Weise fasziniert.
Die Aussage, dass jeder Energieform eine Masse, und umgekehrt, dass jeder Masse eine Energie zugeordnet ist, hielt Einstein selbst für die wichtigste Erkenntnis der Relativitätstheorie. Masse ist nichts anderes als festgehaltene, das heißt gefrorene Energie. Multipliziert man die Masse eines Körpers mit dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit, so erhält man die der Masse äquivalente Energie: E=mc2. In relativ wenig Masse ist also erstaunlich viel Energie eingefroren. Ein Kilogramm Materie enthält Hunderttausend Milliarden Kilojoule. Nur zum Vergleich: Ein Erwachsener nimmt pro Tag etwa 8000 Kilojoule an Energie mit der Nahrung auf. In einem Kilo Masse steckt daher Energie für zehntausend Millionen Jahre gutes Leben eines jeden von uns.

 

Was läuft hier richtig?
Eine kleine Geschichte des Optimismus

Süddeutsche Zeitung, 2007
www.edge.org, 2007

Vor zwei Jahren brachte der Astrophysiker und Präsident der ehrwürdigen Londoner Royal Society Martin Rees ein Buch heraus, in dem er die Wahrscheinlichkeit der heutigen Zivilisation, bis ins Jahr 2100 zu überleben, auf 50% schätzte. Gefahren drohten, so Rees, weniger von der Natur und ihren Katastrophen als von Menschenhand: Atomtechnik, anthropogene Klimaveränderungen, Bio- und Nano-Technologie, Robotik und Terror würden uns in den Rücken fallen. Ein besonders schwerer Fall von Pessimismus, möchte man meinen. Denn gerade den Forscher hat man schließlich eher als notorisch Gutgläubigen vor Augen, der lieber unkritisch als warnend dem eigenen Tun gegenüber steht. Und muss ihn nicht auch ein ans Unmögliche grenzender Optimismus antreiben, die Welt immer weiter verbessern zu können? Wie in Rage geredet kennen wir den Forscher seit der industriellen Revolution, in welcher er das Kindbettfieber bezwang oder billige Energie bereitstellte. Hätte er nicht den praktischen Zweck im Auge gehabt, es wäre nie soweit gekommen.

Nur die Liebe bleibt
Über die Angst in Zeiten der Lieblosigkeit

Ein wahrer Führer, so lehrt es die Unternehmensberatung McKinsey seinen angehenden höheren Angestellten, muß in der Lage sein, für seine Gefolgschaft die Realität zu definieren. Im 16. Jahrhundert glaubte der Domherr zu Frauenburg, Nikolaus Kopernikus, daß ihm dies nicht gelingen würde. Er hielt deswegen seine Schrift ,De revolutionibus orbium coelestium’ genauso geheim wie das Konkubinat mit seiner Haushälterin Anna Schillings. Erst auf dem Sterbebett gab er den Überredungskünsten seiner Mitarbeiter nach und stimmte dem Druck des Buches zu, das anstelle der Erde die Sonne im Mittelpunkt unseres Planetensystems sah. Weil der Mensch damit nicht mehr im Zentrum des Universums stand, bezeichnete Sigmund Freud dies später als erste der drei großen Kränkungen des Menschen, gefolgt von Darwins Theorie des evolutionären Zufalls und seiner eigenen der unterbewußten Triebe. Ob Kopernikus sein Buch noch selbst gesehen hat oder ob es am Tag nach seinem Tod eintraf, ist heute nicht genau bekannt. Mag das Glück der Erkenntnis und die Liebe zu und von Anna Schillings ihm genug gewesen sein.

 
Der Feminismus braucht eine PR-Agentur

neue deutsche literatur, Heft 3, 2004,
Schwartzkopff Buchwerke, Berlin

Es passierte in Amsterdam: Weil sie keine Kinder bekommen kann, wird eine Frau von ihrem Mann verlassen, der mit einer anderen Frau alsbald eine Familie gründet, während die Verlassene sich auch neu verliebt, zum ersten Mal in eine Frau. Das lesbische Paar erlebt aber nur ein kurzes Glück, denn die neue Lebensgefährtin der Frau verliebt sich anschließend ausgerechnet in den Exmann und brennt mit ihm durch, nach London. Nach einigen Wochen erscheint sie plötzlich wieder bei ihrer Freundin in Amsterdam, schwanger: Sie habe nur ein Spiel gespielt, um ihr das zu geben, was sie mit dem Exmann nicht hatte haben können. Noch einmal flammt das Glück der beiden Frauen auf. Aber der Geprellte erscheint am nächsten Morgen und im Wutrausch erschießt er die Schwangere.

Übernatur am Mont Ventoux
zum Doping im Radsport
     
Der Wille zum Glück obsiegt
Zum Literaturnobelpreis an Imre Kertész

Erst vor ein paar Tagen fiel mir beim Aufräumen meines Arbeitszimmers der Essay „Meine Rede über das Jahrhundert“ von Imre Kertész wieder in die Hand: Ein auf den ersten Blick lieblos aussehender Stoß loser Fotokopien, die in der Mitte zusammengefaltet und ein bißchen angedunkelt sind. Auf dem Rand befindet sich aber die Handschrift von Norbert Niemann, der sich für die Anstreichungen entschuldigt, die er vor dem Fotokopieren schon überall in den Text gefügt hatte, und mir auf die ihm eigene Art glühend den damals noch nicht sehr bekannten Autor empfiehlt. Neben Camus, so Niemann, sei Kertész unverzichtbar. Es war der Frühsommer 1996, das fürchterliche Jahrhundert seit über sechs Jahren angeblich vorbei, das neue vor lauter Beliebigkeit aber noch lange nicht in Sicht. Essayisten wie Kolumnisten machten sich auf vergleichbarem Niveau über Gutmenschen lustig, von denen sie nichts mehr wissen wollten, und auch die übrigen Deutschen hatten ihren Glückskredit für die neue Zeit offenbar leichtfertig verpraßt. Die Zahlungsmoral nahm rapide ab und wurde zum existentiellen Problem für den Mittelstand. Jedermann fing an, wegen allem vor Gericht zu gehen. Irgendwie war alles oder doch fast alles egal, und manch Intellektueller soll überlegt haben, ob er seine angeborene, aber wenig angesagte Ernsthaftigkeit durch eine Verkleidung in einen wie auch immer redlichen Fatalisten kaschieren könnte.

Poppige Krawatten
VERLUSTE AUF BEIDEN SEITEN DER KOMPROMISSE

Man erinnert sich kaum noch an den März 1998, als die Grünen Umfragewerte bei elf Prozent hatten. Die parteiinterne Debatte um Anpassung und Regierungsfähigkeit stand mit der Frage des deutschen SFOR-Mandates in Bosnien auf einem neuen Höhepunkt. Fischer unterlag auf dem Parteitag in Magdeburg mit dem Antrag auf Zustimmung, allgemein konnte man aber voraussehen, dass der Beschluss noch revidiert werden würde. Alles schien gut für die sich zur Regierungsbeteiligung entwickelnde Protestpartei. Aber wehe dem! Mit der Stilsicherheit eines Problemkindes, das am Ende immer auf seine Exzentrik pocht, beschloss die Partei, den Liter Benzin zukünftig fünf Mark kosten lassen zu wollen. In den Umfragen stürzte man sofort ab, bei Wahlen erreicht man seitdem halbierte Zahlen und bis heute gilt jedes Ergebnis, bei dem die Grünen keine Stimmenanteile verlieren, als Sieg.

 
Was die Generationen verbindet

Vorschlag zur Güte: Kann man bitte über Rente und Generationengerechtigkeit reden, ohne auf jeden Prozentpunkt hinterm Komma zu achten? Jedenfalls sind die Zielvorgaben der heute Vierzigjährigen weniger materiell dominiert als die ihrer Eltern

Was den Rentenpolitiker vom Feuilletonisten unterscheide, soll in diesen Tagen eine gern gestellte Spaßfrage unter Intellektuellen der Republik sein. Die Antwort ist leicht und wird auch unter arbeitslosen Akademikern grinsend gegeben: Der Rentenpolitiker müsse sich die einschlägigen Generationen nicht erst erfinden.

Die Wrangler
Das war die BRD

Herausgegeben von Georg Diez, Süddeutsche Zeitung, 2001

Es kann nicht lange nach der Grundschule gewesen sein, frühe siebziger Jahre sagt mir die Erinnerung, als mit der Wrangler die definitive psychopolitische Initiation kam. Der soziale Horizont und der Aktionsradius in der Stadt waren bemerkenswert gewachsen, und auf den Streifzügen zwischen Zuhause und der Schule trug man die unverwüstliche Hose. Man hinterfragte sie nicht, wie man den Klassenlehrer auf natürliche Weise erst mal prüfend ansah. Man trug die Wrangler auch nicht einfach, wie man etwa einen Pullover oder eine Jacke oder das Lieblings-T-Shirt trägt. Die Hose mit dem aus gelben Nähten geformten großen W auf den Arschbacken war ein Körperteil, importiert nicht von irgendwoher, sondern direkt aus den großartigen USA.


bei buecher.de bestellen   


Das Neutrino ist konservativ
Warum in der Forschung das Tafelsilber verkauft wird

Süddeutsche Zeitung, 2001

Jetzt, wo das dritte Neutrino als letztes Teilchen unserer derzeitigen Theorie der Materie und ihrer fundamentalen Wechselwirkungen nachgewiesen wurde, gibt es wirklich keinen Grund, sich der Freude zu enthalten. Nachdem die Sektflaschen leer getrunken und die Gläser gespült sind, ist aber auch der richtige Moment da, um über den Zustand der Grundlagenforschung am Beginn des Jahrhunderts nachzudenken. Man erinnert sich etwa an die Weisheit, dass wissenschaftlicher Fortschritt meist von ungefähr kommt, jedoch nicht von allein: Es muss schon jemand das Handwerk betreiben. Vor dem Neuen kann man nämlich die Augen lange verschließen.

 
Ab in die Volksforschung?
Warum man wissenschaftliche Ergebnisse manchmal langsamer publizieren sollte

Süddeutsche Zeitung, 2001

Man soll Feste feiern wie sie fallen, besagt eine Volksweisheit, die hierzulande sicher nicht zuviel, aber doch immer mehr Anwendung findet. 2000 war so ein Fall: Obwohl man nicht recht wusste, ob man vorrangig das vergehende Jahrhundert verabschieden oder vielmehr das kommende begrüßen sollte, gefeiert musste werden. Alles andere war Spielverderberei.

Opium für das Volk und die Macht
Die Probleme Ostdeutschlands sind nur Symptome
der sich radikalisierenden Ideologie des Westens

Süddeutsche Zeitung, 2001

In der Diskussion um den deutschen Osten ging es von Beginn an immer um Geld. Scheinbar. Die Bundestagswahl 1990 wurde zwischen der Versprechung prosperierender Landschaften und einer unpopulären Warnung vor numerischer Überheblichkeit ausgefochten. Das machen wir schon, sagte Kohl: mit Westgeld. So leicht ist das nicht, sagte Lafontaine: Das wird unglaublich teuer.
      Eigentlich fand die Auseinandersetzung aber auf einer nichtmateriellen Ebene statt und hiess damals schnelle Erlösung versus großer Respekt vor der Geschichte. Die schnelle Erlösung gewann so hoch wie erwartet und stellte sich, ebenfalls wie erwartet, als Trug heraus. Die Ernüchterung und ihr Tempo waren aber auch für den gemeinen Westler ziemlich heftig. In wenigen Jahren sank das Niveau des deutschen Mathematikunterrichts genauso wie das des nationalen Fußballs in unbekannte Tiefen, dafür galoppierte die Arbeitslosigkeit. Im Osten brannten Asyle. Unversehens stand man im sinnleeren Raum.

 
 
Die Kunst ist kein Ismus
Wider die Forderung, mit Literatur gegen das Fernsehen zu kämpfen

Süddeutsche Zeitung, 2001

Mitte der achtziger Jahre war ich Student, und in den Sommersemesterferien fuhr ich mit einem Freund nach Süden. Wir waren Motorradfahrer mit Stil, fuhren Ducati oder BMW, und meine Mutter schlief deswegen schlecht, was ich nicht wusste. Mein Vater hielt unsere Sehnsüchte für gesund. Ich galt als extrem vernünftig, aber niemand ahnte, dass ich mit 180 auf der Standspur überholte, wenn dichter Verkehr herrschte. Einmal schafften wir es in drei Tagen bis nach Sizilien. Wir fanden einen malerischen Ort an der Südküste, hielten es aber in diesem Paradies nicht lange aus. Als wir auf dem Rückweg für zwei Tage in Südtirol hielten, um nicht zu früh zuhause zu sein, kam ich mit einem sehr alten Bauern ins Gespräch. Er verstand nicht, was uns umtrieb. Ich versuchte ihm zu erklären, dass wir die Welt sehen wollten. Da sagte er, das sei doch überflüssig seit es den Fernseher gäbe. Den Fernseher, den fände er viel bequemer als irgendwo selbst hinreisen zu müssen.

 
 
Wie hoch pokert Gott?

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2001

Das Wesen der Mode besteht aus dem Furor der schieren Neuartigkeit und ihrem gleichzeitig schon vereinbarten Ende. Was auch für die Mode von Verboten gilt.
Zuletzt war die Einfachheit angesichts der Unübersichtlichkeit verboten, was man beiläufig postmodern nannte und manches Mal mit der modernen Physik begründete. Heute ist das Neue Erzählen der letzte Schrei. Geschichte und Biografien sind wieder linear, Romane sind wieder lesbar und Verkaufszahlen das Maß aller Dinge. Dabei gilt strikt: Je schneller desto besser. Diese neue Mode der Eindeutigkeit ist wiederum eine Mode des Verbots und verboten ist jetzt die Transzendenz.

 
Teure Worte
Polemik zum Thema Geld und Literatur

Süddeutsche Zeitung, 2001

Der Dichtervergifter
zum 10. Todestag Thomas Bernhards
Der Stadtnomade ist online
Das Jahrhundertende ist eine Lücke

Das Jahrhundertende bietet dem Romancier eine einmalige Gelegenheit, so könnte man meinen. Die Bedingungen des Zeitpunktes wollen im Blick zurück historisch und mit Blick nach vorn auch definitiv politisch verstanden sein. Eine Hinwendung des Romans zum Kollektiven, zum Gesellschaftlichen hat aber schon früher in den Neunziger Jahren stattgefunden, etwa mit Marcel Beyers „Flughunden“. In den Achtzigern hatte man ja noch gern eine sogenannte Innerlichkeit gesucht und gefunden. Woher diese Abwendung vom Äußerlichen damals genau kam, ist heute nicht vollständig aufzuklären. Vielleicht ist sie im Zuge der Forderung nach individuellem Glück, das die Protestgeneration mit Vehemenz und vollkommen zu Recht einklagte, zu verstehen oder aus der Ablehnung der Kunst durch viele politische Aktivisten, wenn man an den Papiertiger-Vorwurf gegen die Gruppe 47 etwa denkt. Vielleicht ist die Abwendung auch eine Reaktion auf eine allgemeine Überpolitisierung zu Beginn der siebziger Jahre gewesen, eine große Müdigkeit nach dem vorläufigen Ende der unmittelbaren Auseinandersetzung mit den staats- und familientragenden Protagonisten des Nationalsozialismus.

Die Säulen des Herkules
Zu Harry Mulisch: Essays.

Gesellschaften nach dem Referential-Verlust präsentieren Kultur als Ranküne, wie Ranküne als Kultur: „leichenschänderischer Trieb aus Ressentiment gegen den toten Vater, eistiges Maß und Ideal.“ schreibt Reinhard Jirgl mit Blick auf die Gegenwart. Zusammen mit der vermeintlichen Utopie sei gleich jedes „Denken des Unmöglichen“ diskreditiert, auch wenn genau dieses der „Antrieb der immanenten Entwicklungs- und Vollendungsmotorik“ ist.

 
Medialismus made by Mulisch:
Ein virtueller Nachruf auf die Referenz

Nummer - Zeitschrift für theoretisches Fernsehen,
Hg. v. Leander Scholz und Thorsten Krämer,
Nummer 7, Tropen Verlag, Köln 1998

Literatur oder im Netz?
Zu Norman Ohlers Roman: Die Quotenmaschine